Montag, 22. Februar 2010
[seltsame Schwester]
Meine Schwester B hat mir schon seit Jahren nichts mehr geschenkt, also zu den üblichen Tagen wie Weihnachten oder Geburtstag.
Hatte ich mich vor ein paar Jahren noch darüber aufgeregt, habe ich nun meinerseits auch das Schenken eingestellt und nichts mehr von ihr erwartet; so bin ich ganz gut gefahren.

Umso überraschter war ich, als B mich nun fragte, was ich mir zum Geburtstag wünschte und ich nach längerem Überlegen und Lage-Checken (der Online-Shop, der eine Reihe von mir gewünschten Produkte führt, verkauft leider keine Geschenkgutscheine, mußte ich feststellen) verwies ich sie auf meine amaz*n-Wunschliste.

Irgendwann ließ sie mich wissen, daß sie mit der Vielzahl der dort aufgeführten Artikel überfordert sei und ich nun konkret bitte sagen solle, was ich mir wünsche.
Ich, etwas verwundert: "Na, ich wünsche mir ALLES irgendwie, also egal, was Du aussuchst, es wird das Richtige sein.", was ja auch stimmt, ob es jetzt eine CD für 5,- EUR ist oder ein Buch für 40,-, jedes Geschenk wäre ungewöhnlich und auf jeden Fall mehr als das NICHTS der letzten Jahre.

Aber ganz offensichtlich ist NICHTS genau das, was ich in diesem Jahr wieder bekomme und genau das werde ich ihr wohl auch wieder schenken.



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[seltsame Mutter]
Je älter ich werde, desto seltsamer muten mir einige Verhaltensweisen meiner Mutter an, wobei ich nicht sicher sagen kann, ob sie schon immer so war, oder ob sie erst jetzt, mit fortschreitendem Alter, diese Schrullen entwickelt hat.

Vielleicht sollte ich versuchen, es festzuhalten.

Folgende Szene:
Sonntag. Ich bin relativ früh aufgestanden, mein Wecker steht Sonntags ca. auf 8:30 h, damit ich ganz in Ruhe und Stille den Tag beginnen kann, langsam wachwerden, wie ich es mag, bis ich gegen 11 h aufbreche, um mich zwei Stunden lang zu lauter Discomusik schweißnaß zu zappeln.
Ich sitze da also am Küchentisch, alleine, still und plötzlich klingelt mein Mobifon.
Ich orte es in meiner Handtasche, aber als ich es herausnehme, hat es bereits aufgehört zu klingeln.
Ich sehe: Mutter.
Ok, rufe ich also zurück, sie hat wohl gedacht, ich schlafe noch.
Sie nimmt ab, ist draußen.
Ich frage, wo sie sei, ja draußen, in der Hauptstadt, auf dem Weg zum Bus, sie wolle in den Dom, da so einen bestimmten Prediger hören. Aha. Sie wirkt sehr beschäftigt, gar nicht so, als hätte sie eben mich versucht anzurufen, um mit mir sprechen zu wollen, liest mir den Busfahrplan vor, stellt fest, daß der nächste Bus erst in 20 Minuten fährt. Lang genug, um ein relativ entspanntes Gespräch zu führen, denke ich, aber nein, sie fängt irgendwie direkt an, über die problematische Beziehung zwischen uns Schwestern zu sprechen, um dann das Gespräch abrupt zu beenden, da der Bus auf einmal kommt, nach nicht einmal 2 Minuten.
Aufgelegt.

Manchmal wundere ich mich nicht mehr darüber, daß ich ein wenig seltsam geworden bin.




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Donnerstag, 18. Februar 2010
[Drei Jahre später, 2. Versuch]
Also, warum diese ominöse Überschrift?
Beginnen wir also ganz am Anfang.
Wann mag ich ihr zum ersten Mal begegnet sein?
Ich war noch mit Thom zusammen, wohnte in meiner alten Wohnung, es war vor 2002, denn 2002 wechselte ich den Job, vielleicht 2001, da zog sie wohl ungefähr ein in die Wohnung gegenüber auf dem Laubengang.
Sie, ungefähr mein Alter, ein wenig jünger, dafür umso dominanter. Ich führte das darauf zurück, daß sie in ihrer Familie die große Schwester gewesen war, während ich immer das Nesthäkchen gewesen bin. Große Schwester, kleine Schwester. Und so ähnlich, wie das Verhältnis zwischen mir und meinen Schwestern ist, nämlich nicht auf Augenhöhe, sondern hierarchisch, so war es später auch zwischen ihr und mir.

Sie war also meine Nachbarin, bis vor drei Jahren.
Vor drei Jahren ungefähr zog ich aus und etwa zeitlgleich zog eine Bekannte von mir ins gleiche Haus.

Während das Verhältnis zu meiner Nachbarin über die Jahre recht stabil war, erlebte ich regelmäßig mit, wie sie Beziehungen aufbaute und wieder abbrach. Nicht, daß ich die Sozialkompetenz in Person wäre, ich habe auch so meine Probleme mit Beziehungen zu anderen Menschen und habe auch welche aufgebaut und abgebrochen, aus verschiedenen Gründen, nur nicht in dieser Frequenz, wie sie es tat.
Sie war oft gleich ziemlich gut Freund und eng bekannt mit Personen, um dann im Streit mit ihnen auseinanderzugehen. Irgendwann kristallisierte sich auch ein Muster heraus, in welchem sie meist die Rolle des erfahrenen und erziehenden und ratgebenden Parts innehatte und der andere den des Schülers, des Hilfsbedürftigen und Unerfahrenen.
Offenbar zogen diese beiden Teile sich an, sie suchte die Leute nicht bewußt, aber sie fand sie immer wieder.
Ich nehme mich nicht davon aus, denn ich war häufig unsicher. Ich verlor meinen Job, meine Beziehung funktionierte nicht, ich war häufig traurig.
Sie wußte immer Rat, empfahl mir dieses und jenes, sagte mir, wie ich mich kleiden solle, welche Freunde gut und welche nicht gut für mich seien, ermunterte mich, Ziele anzuvisieren, mir mehr Wert zuzugestehen, wo ich ihn nicht sah.
Und ich änderte einiges an meinem Leben. Ich hörte auf zu rauchen, trieb Sport, kleidete mich anders, trug die Haare kurz.
Dann gab es Kritik; während ihre Figur aus dem Leim ging und sie dies zum neuen Schönheitsideal erklärte, war ich jetzt zu dünn und meine Figur zu männlich, ließ sie mich wissen. Meine Hautpflege sei falsch und ich sollte doch mal diese oder jene Therapie machen, die habe sie nämlich gerade ausprobiert und die sei total gut. Meist handelte es sich dabei um kostspielige und wissenschaftlich sehr fragwürdige esoterisch-heilpraktische Dinge.

Es ist nicht so, daß ich nur empfing, ich hörte mir natürlich auch alle ihre Probleme an, die angesichts ihres schnell wechselnden Umfeldes zahlreich waren, ich opferte einen Geburtstag, weil sie einen Unfall hatte und ins Krankenhaus begleitet werden mußte. Ich fuhr sie zum Arzt, wenn sie aufgrund ihrer Ängste mal wieder an Übelkeit litt, die sie immer mit einem selbstgemixten Cocktail an Medikamenten bekämpfte. Ich ging mit dem Hund spazieren, goß die Blumen, wenn sie weg war, so wie man das halt macht, nur um zu sagen, daß ich nicht den Eindruck hatte, ich habe sie bloß ausgenutzt oder benutzt. Ich versuchte auch, die empfangenen Dienste nicht zu sehr anwachsen zu lassen, nahm also auch bestimmte Angebote nicht in Anspruch, unbewußt wohl, es war dieses Gefühl, nicht zu sehr in ihrer Schuld stehen zu wollen, denn ich merkte auch, daß sie mit anderen stets aufrechnete und am Ende abrechnete. Und am Ende waren die anderen immer die Bösen, die Blutsauger, die Ausnutzer und Nichtsnutze und sie, die Gute, die alles gegeben hatte und nichts zurückbekommen.

Es war dann schließlich eine mißtrauische Distanz, die sich einschlich zwischen uns, während ich beobachtete, wie sich sich überall einmischte. Bei der Nachbarin unter mir, deren Ziehsohn psychisch erkrankt war und seine Freundin schlug, die ein behindertes Kind von ihm hatte. Bei den Nachbarn über mir, deren Tochter psychisch krank war und deren Sohn verhaltensauffälllig, der Mann die Frau schlug und der gutaussehende Sohn auch nicht ganz gerade war. Sie zettelte Krieg mit dem Studenten im Nebenhaus an, der meine (!) Nachtruhe störte, sie kannte in der Gegend alle möglichen Leute und deren Probleme und es war mir teilweise unangenehm, diese brühwarm erzählt zu bekommen.
Sie drängelte sich in das Leben meines Versicherungsvertreters und wickelte ihn ein, bis er mir erklärte, ich sollte doch mal mit ihr essen gehen und unsere Differenzen klären, bis sie wieder alle Versicherungen bei ihm kündigte und er ihren Namen nie mehr in den Mund nahm.
Sie lernte an der Uni kleine, naive Türkinnen kennen und scheiterte an den interkulturellen Differenzen mit einigen türkischen Liebhabern. Und wenn die kleinen Türkinnen nicht nach ihrer Pfeife tanzten, waren sie undankbare und dumme Dinger.

Als ich den Liebsten kennenlernte, machte sie ihn madig. Er trug die falsche Kleidung, er hatte kein Auto, ich hätte etwas besseres verdient, aber so einen schon gar nicht. Sie zeigte mir, was sie meinte und plötzlich hatte sie einen Freund mit Baufirma und dickem Mercedes. Und dann der Stich, der tief saß, wie ein Messer: "Dem [Liebsten] wirst Du noch richtig wehtun.", sagte sie mir. Und ich hatte Angst, daß es wahr würde, denn ich hatte dem Mann davor bereits Schlimmes angetan, was, wenn ich trotz aller guten Vorsätze wieder so etwas täte?

Mit meinem Auszug kam dann der endgültige Bruch, der Anlaß war nicht gerade eine Lappalie, aber eben auch kein Riesending, es war einfach so, daß ich in einem Punkt, in dem ich sehr empfindlich bin, und an dem ich auch dachte, sie kenne diese Empfindlichkeit genau, getroffen wurde und ihr Verhalten diesbezüglich nicht korrekt war. Anstatt dies zuzugeben und sich zu entschuldigen, eskalierte die Situation und sie beschimpfte mich öffentlich und laut vor Dritten im Treppenhaus, einmal vor meiner besten Freundin. Die lachte zwar und sagte, das sei ja absolut lächerlich, doch ich war tief getroffen und verletzt und nicht mehr in der Lage, ein Wort mit ihr zu wechseln.
Ich vermied es, meine Bekannte, die dort im Haus eingezogen war, zu besuchen. Ich fand heraus, daß beide Kontakt hatten, daß meine Bekannte auch die eine oder andere Gefälligkeit entgegennahm; instinktiv nahm ich Abstand und ließ diese Bekanntschaft verblassen.
Nun ergab es sich aber, daß wir uns wieder annäherten und letzte Woche war ich da und nun erfuhr ich, daß meine Bekannte ungefähr das gleiche mitgemacht hatte wie ich.
Freundschaft, Gefälligkeiten, sich ins Leben drängen, alles besser wissen, Vorschriften machen, Ratschläge und dann hatte sie immer noch ihren eigenen Kopf. Die Nachbarin tat etwas, überschritt damit eine Grenze und statt einer Entschuldigung: Beschimpfungen, Schuldzuweisungen, Kontaktabbruch. Und dann bei Dritten alles ausbreiten.

Ich sagte nur: Ich habe all die Jahre nichts gesagt, ich dachte, Du mußt Deine eigene Erfahrung machen mit ihr, alles Reden meinerseits hätte nichts genutzt, sie hätte jeden Zweifel weggewischt und ohnehin hat sie mich höchstwahrscheinlich diskreditiert.

Meine Bekannte nickte.
Als ich heimging, hoffte ich nur, daß ich in dieser Nacht nicht schon wieder schlecht träumen würde.



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